Ich arbeite seit mehr als dreißig Jahren in der Vermögensverwaltung. Ich habe die Dotcom-Blase erlebt, die Finanzkrise 2008, die Euro-Schuldenkrise, Corona und die Zinswende 2022. Und ich habe in all diesen Phasen eines gelernt: Die gefährlichste Zeit für Anleger ist nicht der Absturz. Es ist die Phase danach – wenn die Märkte sich beruhigt haben, alles wieder besser wirkt, und man glaubt, jetzt nichts mehr ändern zu müssen.
Genau in dieser Phase befinden wir uns gerade. Nach den heftigen Verwerfungen rund um die US-Handelspolitik Anfang 2026, nach den geopolitischen Schocks und den Zinsanpassungen der vergangenen Jahre, haben sich viele Portfolios stabilisiert. Der DAX hat sich erholt, der S&P 500 hat neue Hochs erreicht. Man könnte meinen, die Arbeit sei getan. Sie ist es nicht.
Stabilität ist kein Zustand – sie ist eine Entscheidung
Was mich in Beratungsgesprächen immer wieder beschäftigt, ist die Verwechslung von Ruhe mit Sicherheit. Ein Portfolio, das gerade nicht schwankt, ist nicht notwendigerweise gut aufgestellt. Oft ist das Gegenteil der Fall: Wer in ruhigen Phasen nicht prüft, ob seine Aufstellung noch stimmt, schläft in ein Risiko hinein, das er nicht sieht.
Das konkrete Problem in vielen Portfolios heute: Sie wurden in einer anderen Zinslandschaft gebaut. Wer vor 2022 investiert hat, hat möglicherweise Strukturen, die für Nullzins optimiert wurden – mit entsprechend hohem Aktienanteil, wenig Anleihen, wenig Liquidität. Diese Struktur hat in der Rally-Phase gut funktioniert. Aber sie ist nicht zwingend das, was man heute braucht.
Gleichzeitig wäre es falsch, jetzt in eine reine Defensivhaltung zu verfallen. Märkte, die gerade neue Hochs erreichen, tun das nicht ohne Grund. Die Unternehmensgewinne in den USA haben zuletzt deutlich besser abgeschnitten als erwartet. Europas Wirtschaft zeigt zaghafte Stabilisierungszeichen. Wer jetzt komplett aus dem Markt geht, riskiert, die nächste Aufwärtsphase zu verpassen – und das ist ein realer Kostenfaktor.
Was defensive Positionierung heute wirklich bedeutet
Defensive Portfolioarbeit bedeutet für mich nicht: alles absichern, nichts riskieren. Es bedeutet: bewusst entscheiden, welche Risiken man eingeht und welche nicht. Konkret heißt das im aktuellen Umfeld drei Dinge.
- Erstens: Klumpenrisiken erkennen und reduzieren. Wer in einem breit gestreuten ETF auf den MSCI World investiert ist, hält de facto zu über 70 Prozent US-Aktien – mit einer starken Konzentration auf wenige Technologietitel. Das ist kein diversifiziertes Portfolio, das ist eine Wette auf die Fortsetzung eines Trends. Eine sinnvolle Defensivstrategie prüft, ob diese Konzentration gewollt ist.
- Zweitens: Cash-Quoten neu bewerten. Lange galt Liquidität als Renditekiller. Bei Geldmarktzinsen von zwei bis drei Prozent ist das heute anders. Cash ist keine tote Masse mehr – es ist eine Pufferoption. Wer Liquidität hält, behält Handlungsfähigkeit: Er kann zukaufen, wenn Märkte kurzfristig korrigieren. Das ist ein strategischer Vorteil, der oft unterschätzt wird.
- Drittens: Qualität über Momentum. In Aufwärtsphasen laufen häufig die spekulativeren Titel am stärksten. Das verführt dazu, dort nachzukaufen. Erfahrungsgemäß ist das selten eine gute Idee. Unternehmen mit soliden Bilanzen, stabilen Cashflows und einer realistischen Bewertung halten Korrekturen deutlich besser aus – und sie werden auch in einem schwierigeren Umfeld nicht aufgegeben.
Was ich meinen Mandanten gerade sage
Ich rate derzeit niemandem zu radikalen Umschichtungen. Wer ein gut strukturiertes Portfolio hat, soll es nicht aus Nervosität umbauen. Was ich aber empfehle: eine strukturierte Bestandsaufnahme. Wo habe ich Risiken, die ich nicht bewusst eingegangen bin? Wo fehlt mir Diversifikation in Branchen oder Regionen? Sind meine Anleihen- und Liquiditätsquoten noch zeitgemäß?
Diese Fragen klingen unspektakulär. Sie sind es auch. Gute Vermögensverwaltung ist meistens unspektakulär. Sie ist geduldig, sie ist konsequent, und sie wird erst dann sichtbar, wenn andere in Panik geraten und man selbst ruhig bleiben kann. Das ist die eigentliche Rendite eines stabilen Portfolios – nicht nur die Zahl auf dem Kontoauszug.
Märkte zucken. Das werden sie immer tun. Die Frage ist nicht, ob man das verhindern kann. Die Frage ist, ob man so aufgestellt ist, dass man es aushält – und im besten Fall davon profitiert.










