Man muss kein Prophet gewesen sein, um den Aufschwung bei Anleihen vorherzusagen. Wer im Jahr 2022 gesagt hat, dass steigende Zinsen Rentenfonds irgendwann wieder attraktiv machen werden, hatte schlicht Recht. Die Zinswende war kein Geheimnis, sie war nur schmerzhaft. Viele Anleger haben in diesem Prozess Verluste erlitten, die sie nicht vergessen haben.
Umso wichtiger ist jetzt die Frage, die ich in vielen Gesprächen höre: Lohnt sich der Einstieg in Rentenfonds heute noch – oder ist der Zug abgefahren? Die ehrliche Antwort ist: Es kommt darauf an. Auf welchen Fondstyp, welchen Anlagehorizont und welche Erwartungen man mitbringt.
Was Rentenfonds in diesem Umfeld leisten können – und was nicht
Beginnen wir mit dem, was sich fundamental verändert hat. Nach mehr als einem Jahrzehnt mit Nullzinsen und negativen Renditen werfen Anleihen wieder echte Erträge ab. Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit rentieren heute deutlich über zwei Prozent, Unternehmensanleihen guter Bonität teils bei drei bis vier Prozent – Niveaus, die man lange nicht gesehen hat. Das ist keine Sensation, aber es ist eine echte Rückkehr zur Normalität.
Was viele dabei übersehen: Rentenfonds sind nicht gleich Rentenfonds. Die Unterschiede zwischen einem kurzlaufenden Geldmarktnahen Fonds, einem klassischen Rentenfonds mit mittlerer Duration und einem Hochzinsanleihen-Fonds sind erheblich – sowohl in der Renditeerwartung als auch im Risikoprofil. Wer diese Unterschiede nicht kennt, trifft keine Anlageentscheidung, sondern eine Glücksentscheidung.
Die drei relevanten Fondstypen im Vergleich
Geldmarktfonds und kurzlaufende Rentenfonds sind derzeit das, was ich als ‚risikoarme Rendite‘ bezeichne. Wer Liquidität parken will und dabei mehr als Tagesgeld erzielen möchte, ist hier richtig. Die Volatilität ist gering, die Rendite berechenbar. Der Nachteil: Wenn die Zinsen fallen – und das ist auf mittlere Sicht wahrscheinlich – sinkt auch die Rendite dieser Fonds zügig.
Klassische Rentenfonds mit mittlerer Laufzeit, also Durationen von fünf bis acht Jahren, sind das Herzstück einer strategischen Anleihepositionierung. Sie profitieren von fallenden Zinsen durch Kursgewinne, während sie gleichzeitig laufende Zinserträge liefern. Der Preis: Bei kurzfristigen Zinsanstiegen schwanken sie spürbar. Wer einen Anlagehorizont von mindestens drei bis fünf Jahren mitbringt, kann das aushalten. Wer kurzfristig auf das Geld angewiesen sein könnte, sollte vorsichtig sein.
Hochzinsanleihen-Fonds – also Fonds, die in Unternehmensanleihen mit schlechterer Bonität investieren – bieten die höchste Renditeerwartung, aber auch das größte Risiko. Sie korrelieren in Stressphasen stärker mit dem Aktienmarkt als mit dem klassischen Rentenmarkt. Wer diesen Fondstypus als ’sicheren Hafen‘ betrachtet, irrt sich grundlegend.
Die entscheidende Frage: Welche Rolle soll Anleihe im Depot spielen?
Ich erlebe es immer wieder, dass Anleger die Frage nach dem ‚besten‘ Rentenfonds stellen, bevor sie die Frage beantwortet haben, wozu dieser Fonds eigentlich dienen soll. Das ist der falsche Ansatz. Anleihen können im Depot drei verschiedene Rollen spielen: Sie können Ertrag liefern, sie können als Stabilisator dienen – weil sie in Aktiencrashs oft gegenteilig laufen – oder sie können schlicht Liquidität mit etwas mehr Rendite darstellen. Je nach Rolle braucht man einen anderen Fondstyp.
Meine persönliche Einschätzung für das aktuelle Umfeld: Wer noch keine oder kaum Anleihen im Depot hat, sollte das jetzt ändern. Nicht weil Anleihen die nächste große Renditegeschichte sind – das sind sie nicht –, sondern weil ein Portfolio ohne Anleihenanteil in einem volatileren Marktumfeld schlechter ausbalanciert ist. Das Zinsniveau erlaubt es heute wieder, Anleihen als das zu nutzen, was sie sein sollen: einen Baustein, der das Gesamtportfolio stabiler macht.
Wer bereits Anleihen hält, sollte prüfen, ob die Duration noch zur eigenen Einschätzung der Zinsentwicklung passt. Wer davon ausgeht, dass die Zinsen weiter fallen werden, kann längere Laufzeiten halten. Wer unsicher ist, fährt mit mittleren Laufzeiten besser. Und wer kurzfristige Liquidität braucht, bleibt im kurzen Bereich.
Die Botschaft ist einfach: Rentenfonds sind zurück – aber nicht als Selbstläufer. Sie sind zurück als ernstzunehmender Baustein, der Überlegung verdient. Das ist der Unterschied zu den letzten fünfzehn Jahren, in denen man diese Überlegung weitgehend sparen konnte, weil Anleihen schlicht nichts abwarfen.











