Zur Jahresmitte lohnt es sich, ehrlich Bilanz zu ziehen. Nicht die Art von Bilanz, die immer irgendwie positiv klingt, weil man die guten Entscheidungen betont und die schlechten im Nebensatz versteckt. Sondern eine echte Bestandsaufnahme: Was hat sich bewahrheitet? Was hat uns überrascht? Und was bedeutet das für die zweite Jahreshälfte?
Was die erste Jahreshälfte wirklich war
Wer Anfang Januar die großen Indizes angeschaut und heute wieder hinschaut, könnte denken: War doch alles halb so schlimm. Aber dieser Blick ist trügerisch – und er ist gefährlich. Denn er blendet aus, was dazwischen lag.
Am bedeutendsten war die Zunahme geopolitischer Spannungen: Der Krieg im Nahen Osten beeinträchtigte die Öl- und Gasversorgung erheblich. Aktien und Anleihen erlebten weltweit einen Abverkauf, da sich die Märkte mehr auf das Risiko einer steigenden Inflation als auf das Risiko eines Wachstumsrückgangs konzentrierten. Die Straße von Hormus war zeitweise nicht frei passierbar, der Ölpreis explodierte kurzfristig und brach dann wieder ein. Bei einer anhaltenden Blockade der Straße von Hormus sehen wir weiterhin Aufwärtsrisiken für das zweite Halbjahr 2026.
Hinzu kamen die US-Zolldebatten, die die globalen Lieferketten erneut ins Wanken brachten. Und wir haben gesehen, dass selbst gut diversifizierte Portfolios in solchen Momenten deutlich schwanken. Die Märkte wirken stabiler, als sich viele Anleger in dieser Phase gefühlt haben – und das ist kein Widerspruch, das ist die Normalität. Was mich an dieser ersten Jahreshälfte jedoch wirklich nachdenklich macht, ist nicht die Volatilität an sich. Die ist erklärbar. Was mich nachdenklich macht, ist die Diskrepanz zwischen Stimmung und Realwirtschaft: Börsenhochs in den USA bei gleichzeitig historisch schlechter Konsumentenstimmung. Unternehmensgewinne können eine Weile von Stimmungsindikatoren abgekoppelt laufen – aber irgendwann trifft sich das wieder. Die Frage ist nur, in welche Richtung.
Das strukturelle Thema: Was MSCI World und ETF-Boom wirklich bedeuten
Ein Thema, das wir intern intensiv diskutieren und das ich für eines der wichtigsten halte: die Illusion der Diversifikation. Wer heute in einem globalen ETF auf den MSCI World investiert ist, hält über 70 Prozent US-Aktien – mit einer Konzentration auf wenige Technologieriesen. Das ist keine Diversifikation im klassischen Sinne, das ist eine strukturelle Wette auf die Fortsetzung eines Trends. Der Abstand zwischen der Gewinnrendite von US-Aktien und der Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen ist zusammengeschmolzen. Dieser Trend ist verwundbar – nicht weil Technologie grundsätzlich schlecht ist, sondern weil die Bewertungen an wenigen Einzeltiteln hängen, deren Zukunft alles andere als sicher ist.
Das ist keine Aufforderung, den MSCI World pauschal zu verlassen. Es ist eine Aufforderung, ihn zu verstehen. Wer weiß, dass er ein konzentriertes Investment hält, und dieses Risiko bewusst in Kauf nimmt, trifft eine informierte Entscheidung. Wer das nicht weiß, sitzt auf einem Klumpenrisiko, ohne es zu merken. Das ist der Unterschied zwischen Anlageberatung und Selbstbetrug.
Infrastruktur und KI: Das unterschätzte Thema der zweiten Jahreshälfte
Was uns für die zweite Jahreshälfte am meisten beschäftigt – und das ist keine kurzfristige Markteinschätzung, sondern eine strukturelle These –, ist das Thema physische Infrastruktur. KI ist in aller Munde, aber die wenigsten Anleger haben verstanden, dass KI kein rein digitales Phänomen ist.
Bis 2030 könnte der Verbrauch von Rechenzentren auf rund 945 TWh steigen – also mehr als doppelt so viel wie heute. Das entspricht ungefähr dem gesamten heutigen Stromverbrauch Japans. Und dieser Strom muss irgendwo herkommen, irgendwo durchgeleitet und irgendwo gespeichert werden. Racks in KI-Rechenzentren benötigen siebenmal mehr Strom als herkömmliche Racks, was bis 2026 zu einem Wachstum der Stromnachfrage von fast 20 Prozent pro Jahr führen wird.
Das schlägt sich in konkreten Investitionszahlen nieder. Schon heute verbrauchen Rechenzentren für den Betrieb und die Kühlung der Server 3 bis 4 Prozent des gesamten Stroms in den USA – und ihr Anteil am Stromverbrauch dürfte bis 2030 auf 7 bis 15 Prozent ansteigen. Die Investitionen in das Stromnetz könnten sich angesichts der großen Zahl von Projekten, die einen Netzanschluss benötigen, und der Verzögerungen bei der Beschaffung von Netzkomponenten wie Transformatoren als Nadelöhr erweisen.
Wer also in diese physische Infrastruktur investiert – Stromnetze, Rechenzentren, Transformatoren, Leitungen, Speicherlösungen – ist meiner Überzeugung nach besser positioniert als wer NVIDIA kauft und hofft. Denn die Infrastruktur wird gebraucht, egal welches KI-Modell sich am Ende durchsetzt. Das ist der Unterschied zwischen einer Technologiewette und einem Megatrend-Investment.
Ich kenne den Einwand: Infrastrukturinvestments sind häufig illiquide, langfristig und komplex. Das ist richtig. Aber es gibt Lösungen. Private Märkte erleben eine Belebung – stabile Zinsen und hohe Kapitalnachfrage, insbesondere für KI-Infrastruktur, befeuern eine Welle an Transaktionen und maßgeschneiderten Kreditlösungen. Gut strukturierte Infrastrukturfonds oder breit aufgestellte Multi-Asset-Fonds mit Infrastrukturkomponente sind für Privatanleger der sinnvollste Weg. Der Zugang existiert. Man muss ihn nur kennen und konsequent nutzen.
Unsere Grundhaltung für das zweite Halbjahr
Die Märkte bleiben anfällig für geopolitische Überraschungen. Die Entspannung im Nahen Osten ist fragil, die Handelspolitik der USA bleibt unberechenbar, und die Zinsentwicklung in Europa und den USA hängt von Daten ab, die noch nicht feststehen. Zur Jahresmitte wird wohl nichts so gewiss sein wie die weltpolitische Ungewissheit – und in einem solchen Umfeld wird die Portfoliozusammenstellung auf eine harte Probe gestellt.
In diesem Umfeld ist Gelassenheit keine Naivität, sondern Methode. Wer gut positioniert ist, braucht keine schnellen Reaktionen.
Was das konkret bedeutet
Klumpenrisiken prüfen und reduzieren. Anleihenquoten strategisch einsetzen – bei Duration empfiehlt sich ein selektiver Ansatz; mittlere Laufzeiten bieten Schutz vor steigenden Durationsrisiken und profitieren gleichzeitig von potenzieller geopolitischer Entspannung. Liquidität als aktives Instrument verstehen, nicht als Parkposition. Und strukturelle Wachstumsthemen wie Infrastruktur und Energiewende nicht dem Zufall überlassen, sondern bewusst und mit dem richtigen Vehikel adressieren.
Das zweite Halbjahr wird kein ruhiges werden. Aber es wird eines, in dem gut aufgestellte Portfolios ihren Wert beweisen können. Und das ist am Ende genau das, wofür man vorsorgt.










