Warum eine einzelne Zahl über die ganze Ruhestandsplanung entscheidet
Es gibt eine Zahl, die in fast jedem Ruhestandsplan steckt, ohne dass sie je hinterfragt wird: die Lebenserwartung. Die meisten nennen den Wert, den sie aus der Zeitung kennen – für einen Mann in Deutschland etwa achtzig Jahre, für eine Frau ein wenig mehr.
Diese Zahl ist nicht falsch. Aber sie ist für die eigene Planung die falsche.
Denn die Lebenserwartung bei Geburt mittelt über alle Todesfälle eines Jahrgangs, auch über jene, die als Säugling, mit dreißig oder mit fünfzig eintreten. Wer heute mit sechzig oder fünfundsechzig seinen Ruhestand plant, hat all diese Wahrscheinlichkeiten längst hinter sich gelassen. Für ihn gilt nicht die Lebenserwartung bei Geburt, sondern die Restlebenserwartung ab dem erreichten Alter. Und die liegt deutlich höher.
Dr. Hans-Jörg Naumer, der bei Allianz Global Investors die Kapitalmarktanalyse verantwortet, hat diesen Gedanken in einer aktuellen Longevity-Publikation auf eine einprägsame Formel gebracht: Wer länger lebt, lebt immer länger. Gemeint ist: Mit jedem gelebten Jahr verschiebt sich der eigene statistische Erwartungswert weiter nach hinten. Der Zielpunkt der Planung bewegt sich mit.
Das ist keine akademische Feinheit. Es ist der Unterschied zwischen einem Plan, der trägt, und einem, der im hohen Alter unter Druck gerät – also genau dann, wenn Korrekturen am schwersten fallen.
Zwei Bewegungen, die sich gegenläufig verstärken
Die Longevity-Studie beschreibt zwei Entwicklungen, die aufeinandertreffen.
Die erste: Die Lebenszeit steigt. Nicht nur bei Geburt, sondern gerade in den höheren Alterskohorten. Der Fünfundsechzigjährige von heute hat statistisch mehr Jahre vor sich als der Fünfundsechzigjährige früherer Jahrzehnte.
Die zweite: Die Erwerbszeit sinkt. Die durchschnittlich geleisteten Arbeitsstunden pro Jahr sind in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert von deutlich über 3.000 auf heute etwa 1.350 gefallen. Der Trend ist nicht gebrochen. Gleichzeitig verlassen die geburtenstarken Jahrgänge den Arbeitsmarkt, und es rücken weniger Menschen nach.
Mehr Lebensjahre, weniger Arbeitsjahre: Beides zieht in dieselbe Richtung. Was zwischen dem Ende der Erwerbsarbeit und dem Lebensende liegt, wird länger. Und dieser Abschnitt muss finanziert werden.
Für ein umlagefinanziertes Rentensystem, das von der Relation zwischen Einzahlern und Empfängern lebt, ist das die ungünstigste denkbare Kombination. Welche Stellschrauben die Politik daraufhin bewegt, ist hier nicht das Thema. Für die eigene Planung zählt nur die Richtung: Der Anteil des Alterseinkommens, der aus eigenem Vermögen stammen muss, wird tendenziell größer.
Warum das für vier Generationen vier verschiedene Aufgaben bedeutet
Was für den Einzelnen daraus folgt, hängt stark davon ab, in welcher Lebensphase er steht. Longevity ist deshalb kein reines Ruhestandsthema, sondern ein Generationenthema.
Die Generation Z, heute in den ersten Berufsjahren, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit über neunzig Jahre alt. Sie wird länger arbeiten, dabei weniger Wochenstunden leisten und mehrfach den Beruf wechseln. Ihr Verhältnis von Einzahlern zu Empfängern wird schlechter sein als jedes, das Deutschland bisher gesehen hat. Was sie dem entgegensetzen kann, ist der einzige Vorteil, der sich nicht nachkaufen lässt: Zeit. Vier Jahrzehnte Zinseszins sind der größte Vermögenshebel überhaupt.
Die Generation Y, heute Mitte dreißig bis Anfang vierzig, steht mitten im Aufbau. Ihre Aufgabe: die Vorsorgelücke rechtzeitig beziffern und Erwerbsbiografien einplanen, die unruhiger geworden sind – Auszeiten, Teilzeitphasen, Selbständigkeit. Wer so lebt, braucht früher als frühere Generationen eine zweite, tragfähige Einkommensquelle neben dem Gehalt.
Die Generation X, heute Mitte vierzig bis Ende fünfzig, hat noch Zeit zum Handeln, aber der Horizont wird enger. Hier entscheidet sich, ob der Übergang in den Ruhestand strukturiert vorbereitet wird oder am Ende improvisiert werden muss.
Und die Babyboomer stehen vor der konkretesten und zugleich schwierigsten Aufgabe. Für sie ist die Frage nicht mehr, wie viel sie sparen, sondern wie aus dem vorhandenen Vermögen ein verlässliches, planbares Einkommen wird. Sie sind die erste Generation, die diese Aufgabe in dieser Größenordnung selbst lösen muss.
Die eigentliche Wende: vom Ansparen zum Entnehmen
Bevor wir weiter in die Analyse einsteigen hier das aktuelle Interview meines Kollegen Frank Seidel mit Dr. Hans-Jörg Naumer zu diesem Thema – danach geht’s weiter:
Jahrzehntelang lautete die Aufgabe: Vermögen aufbauen. Mit dem Ruhestand dreht sich diese Logik um. Aus Kapital soll Einkommen werden. Aus Rücklagen soll Planbarkeit werden. Aus Erspartem soll finanzielle Freiheit im Alltag werden.
Das ist anspruchsvoller, als es klingt, denn die Entnahmephase folgt anderen Regeln als die Ansparphase. Zwei davon sind entscheidend.
Das erste ist das Sequenzrisiko: Ein früher Kurseinbruch in der Entnahmephase beschädigt ein Vermögen dauerhaft, während derselbe Einbruch im Ansparen sogar hilft. Wer in einem fallenden Markt Anteile verkaufen muss, um seine Ausgaben zu decken, verkauft zum ungünstigsten Zeitpunkt und nimmt dem Depot die Kraft zur Erholung.
Das zweite schließt den Kreis zur Restlebenserwartung: Wer den Zeithorizont am Durchschnittswert festmacht, plant per Definition so, dass rund die Hälfte aller Betroffenen ihn überlebt. Ein Plan, der in der Hälfte der Fälle zu kurz ist, ist kein Plan. Realistisch ist deshalb nicht der Erwartungswert, sondern ein deutlicher Sicherheitsaufschlag darauf.
Das „zweite Gehalt“ – und was wirklich dahintersteckt
Naumers Antwort auf diese Aufgabe lautet: Kapitaleinkommen. Ein laufender Strom aus Kupons und Dividenden, der wie ein zweites Gehalt wirkt und Auszeiten, Teilzeitphasen und die Rentenzeit stabilisiert. Die Größenordnung ist beachtlich: Allein für die Unternehmen des STOXX Europe 600 werden für 2026 Ausschüttungen von rund 454 Milliarden Euro erwartet.
Der Gedanke ist richtig, aber er verdient eine ehrliche Einordnung.
Erstens ist eine Dividende kein Zusatzertrag neben dem Kurs. Am Tag der Ausschüttung verlässt Geld das Unternehmen, und der Kurs gibt um denselben Betrag nach. Ein ausschüttungsorientiertes Depot ist damit kein Perpetuum mobile, sondern eine besonders disziplinierte Form der Entnahme. Wer das versteht, rechnet sich nicht reicher, als er ist.
Zweitens spielt in Deutschland die Steuer eine Rolle. Jede Ausschüttung ist ein steuerpflichtiger Zufluss, und was sofort versteuert wird, arbeitet nicht mehr weiter. In der Ansparphase ist eine ausschüttende Struktur deshalb meist der teurere Weg; in der Entnahmephase relativiert sich das, weil ohnehin Geld benötigt wird.
Drittens, und das ist der stärkste Grund: Ein Cashflow, der von selbst kommt, nimmt dem Anleger die schwierigste Entscheidung ab – im Einbruch nicht aktiv verkaufen zu müssen. Genau daran scheitern Entnahmepläne in der Praxis. Der wichtigste Vorteil des zweiten Gehalts ist deshalb kein rechnerischer, sondern ein menschlicher: Es ist eine Disziplinhilfe.
Dahinter steht ein größerer Gedanke: Wenn Automatisierung und künstliche Intelligenz das Arbeitseinkommen unter Druck setzen, verschiebt sich der Wohlstand vom Faktor Arbeit zum Faktor Kapital. Wer die Unternehmen mitbesitzt, partizipiert an genau der Entwicklung, die sein Erwerbseinkommen herausfordert. Das ist ein starkes Argument dafür, überhaupt Eigentümer zu sein.
Was daraus für Ihre Planung folgen sollte
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- Die Longevity-Perspektive verändert nicht die Grundprinzipien guter Finanzplanung. Sie macht sie dringlicher.
- Kurzfristiges Kapital sichert die laufenden Ausgaben und schützt vor dem Verkauf zur Unzeit.
Mittelfristige Bausteine schaffen planbares Einkommen.
Langfristiges Kapital erhält die Kaufkraft über zwei bis drei Jahrzehnte, denn Inflation wirkt über so lange Zeiträume erheblich. - Entscheidend ist, diese Bausteine nicht einzeln, sondern als Gesamtkonzept zu denken. Gesetzliche Rente, betriebliche Versorgung, private Renten, Mieteinnahmen, Kapitalerträge und Depotentnahmen müssen aufeinander abgestimmt werden. So entsteht kein zufälliger Geldfluss, sondern ein geplanter Ruhestand.
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Mein Fazit als Finanzplaner
Die Menschen leben länger, arbeiten kürzer und tragen einen wachsenden Teil ihres Alterseinkommens selbst. Für die Generation Z heißt das: früh anfangen und die Zeit nutzen. Für die Generationen Y und X: die Lücke beziffern und den Übergang strukturieren. Für die Babyboomer aber stellt sich die Aufgabe hier und heute: aus einem vorhandenen Depot ein verlässliches Einkommen zu formen.
Der Schlüssel liegt nicht in einer einzelnen Produktentscheidung, sondern in der richtigen Laufzeit, der richtigen Struktur und einer Entnahmelogik, die auch dann trägt, wenn die Märkte nicht mitspielen. Die interessanteste Prüffrage an den eigenen Plan lautet deshalb schlicht: Mit welcher Lebensdauer ist gerechnet worden – und woher stammt diese Zahl? Oder mit anderen Worten:
„Ein guter Ruhestand entsteht nicht allein durch viel Vermögen. Er entsteht durch eine Struktur, die Einkommen planbar macht, Risiken begrenzt und Freiheit dort ermöglicht, wo das Leben sie braucht.“
Quellen: Allianz Global Investors, „Longevity – länger Geld für ein längeres Leben“ (Mai 2026); AllianzGI-Dividendenstudie 2026; Naumer, H.-J. (2025), „Kapitaleinkommen in Zeiten der Disruption“, Springer Gabler. Datengrundlage u. a. UN World Population Prospects (2024), Destatis, Eurostat, LSEG Datastream. Dargestellte Werte sind Vergangenheits- bzw. Prognosewerte und lassen keinen Schluss auf zukünftige Entwicklungen zu. Dieser Beitrag dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung, Anlagevermittlung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Der Wert einer Anlage kann steigen oder fallen; ein Verlust des eingesetzten Kapitals ist möglich.












